Freistaat bremst freie Schulen aus

Auch im kommenden Schuljahr kein selbstbestimmtes Lernen in Bayern

 

 

München, 15. März 2021 – Wo in so gut wie allen deutschen Bundesländern und fast überall auf der Welt das freie Lernen aufblüht, scheint es dem Freistaat Bayern ein Dorn im Auge. Seit Jahren werden Demokratische Schulen hier gezielt ausgebremst.

"Wir haben nach der ersten ablehnenden Rückmeldung auf unser Konzept den Dialog mit dem Kultusministerium und der Regierung Oberbayern gesucht und große Hoffnungen in unsere überarbeitete Fassung gesetzt", so Tina Uthoff, Vorstandsvorsitzende des Demokratische Schule München e.V. "Leider vergebens. Aus dem Schreiben der Regierung Ende letzten Jahres ist klar zu erkennen, dass sie das Problem in der Freiwilligkeit des Lernens an sich sehen – eine Grundsäule Demokratischer Schulen und weltweit erfolgreich erprobt. Für die Behörden ist es offensichtlich dennoch nicht vorstellbar, dass Kinder gern und freiwillig lernen. Unseren geplanten Schulstart haben wir nun erst einmal verschieben müssen."

Der Demokratische Schule München e.V. ist eine der immer zahlreicher werdenden Initiativen in Bayern, die sich seit Jahren dafür einsetzen, auf Freiwilligkeit gründendes, selbstgesteuertes Lernen in die bayerische Schullandschaft zu bringen. Sie alle sind Teil der EUDEC, der Europäischen Gemeinschaft der Demokratischen Schulen.

Der Weg, um in Bayern eine Genehmigung zu bekommen, so könnte man meinen, wäre es, dem Lernen mehr von außen vorgegebene Struktur zu geben, wie es die Aktive Schule Penzberg in ihrem Konzept plant – ein Konzept, das bereits seit 2009 mit Erfolg im nördlicher gelegenen Petershausen umgesetzt wird. Doch weit gefehlt. Die Regierung Oberbayern lehnte auch dieses Konzept ab, diesmal mit der Begründung: "Kein besonderes pädagogisches Interesse". "Wir dachten, wir lesen nicht richtig", erinnert sich Yvonne Schmerbeck. "Wenn unser Konzept an den Schulen hier in der Region bereits umgesetzt würde, hätten wir doch gar nicht erst den Aufwand auf uns genommen, privat eine Schule zu gründen." Der Verein reichte Klage ein und wartet seither. Das geplante Schulgebäude ist mittlerweile anderweitig vergeben. Auch sie mussten ihren Schulstart verschieben.

Die beiden Beispiele sind keine Einzelfälle in Bayern: Schulgründer, die klagen, müssen wie die Penzberger oft mehrere Jahre lang warten, bis es zum Prozess kommt. Aktuell heißt es, die Corona-Pandemie sei Grund dafür, nur: Vor der Pandemie war es nicht anders, wie sich am Beispiel der Sudbury Schule Ammersee zeigt. Ihr Prozess fand mehr als zwei Jahre nach der Schulschließung 2016 statt und läuft immer noch in zweiter Instanz.

"In der Ablehnung der Aktiven Schule Penzberg zeigt sich erneut der eklatante Machtmissbrauch der bayerischen Schulbehörden. Die eine Schule wird abgelehnt, weil ihr Konzept angeblich zu weit entfernt ist von den staatlichen Schulen, die andere, weil ihr Konzept zu nah dran ist - jeweils ohne stichhaltige Belege", empört sich Simone Kosog vom Vorstand der Sudbury Schule Ammersee.

Auch das Gründungsteam der Luana Schule Augsburg konnte die schwäbische Schulbehörde trotz mehrfacher Konzept-Überarbeitungen über Jahre hinweg nicht vom freien Lernen überzeugen. Als Antwort seien immer neue Beanstandungen gekommen. "Es ist wirklich frustrierend", bestätigt Michael Lippok. "Die Schulgründer argumentieren mit Forschungsergebnissen sowie Praxiserfahrung aus anderen Bundesländern und der Welt, aber es trifft immer wieder auf Unverständnis. Die Behörden scheinen den aktuellen Forschungsstand zu freiem, selbstreguliertem Lernen gar nicht zur Kenntnis zu nehmen und verharren bei ihrem alten Bild."

Manche Teams, so wie das der Regensburger Initiative Karfunkel und der Freien Demokratischen Schule Franken aus Nürnberg, geben auf. Sie zerschellen an der Mauer der behördlichen Auflagen, nachdem sie sich jahrelang ehrenamtlich dafür eingesetzt haben, zeitgemäße schulische Bildung nach Bayern zu bringen: Lernorte, die von Gleichwürdigkeit und Motivation geprägt sind, von Eigenverantwortung und demokratischer Mitbestimmung, von Kompetenzerwerb statt engem Lehrplankorsett. Dinge, nach denen sich immer mehr Eltern, Schüler*innen und Lehrkräfte sehnen - spätestens seit das Homeschooling bei uns Einzug gehalten hat, das wie ein Kontrastmittel die Schwächen im Bildungssystem aufdeckt.

Die Schulgründer der EUDEC Bayern sind sich sicher: Auch der Freistaat wird nicht die Augen vor intrinsisch motiviertem Lernen auf dem Fundament demokratischer Mitbestimmung verschließen können. Denn es entspricht nicht nur den aktuellen pädagogischen und psychologischen Erkenntnissen, sondern legt den Grundstein für eine innovative, zukunftsgewandte und friedliche Gesellschaft.

 

HINTERGRÜNDE

 

Demokratische Schule München e.V.

Gegründet im November 2014 mit dem Ziel, eine Demokratische Schule in München auf Basis des Konzepts der bestehenden Sudbury Schule Ammersee zu eröffnen. Erstkontakt mit der Regierung Oberbayern im November 2015, die erklärte, dass vor Ablauf der 2-jährigen Probezeit der 2014 genehmigten Sudbury Schule Ammersee keine weitere Demokratische Schule in Oberbayern genehmigt werden sollte. Nach Schließung der Sudbury Schule Ammersee Erarbeitung eines eigenen, an die Kritikpunkte der Schulbehörde angepassten Konzepts, das bei der Vorabprüfung durch die Regierung Oberbayern im März 2020 noch immer als nicht genehmigungsfähig bewertet wurde. Klärendes Gespräch mit Kultusministerium und Regierung Oberbayern im Juni 2020. Einsendung des daraufhin überarbeiteten Konzepts im Oktober 2020 mit erneuter negativer Rückmeldung im Dezember aufgrund der Freiwilligkeit des Lernens.

Mehr unter: www.demokratische-schule-muenchen.de.

 

 

 

Sudbury Schule Ammersee

Gründung des Trägervereins Sudbury München e.V. im Jahr 2005 mit dem Ziel, eine Sudbury-Schule in München zu eröffnen. In den Folgejahren Erarbeitung des Konzepts und Dialog mit der Regierung Oberbayern. Da in München kein geeignetes Schulgebäude gefunden wurde, Schuleröffnung in Ludenhausen im September 2014. Nach zwei Jahren Schulbetrieb wurde die Schule 2016 aus noch immer umstrittenen Gründen von der Regierung geschlossen. Die Klage des Trägervereins wurde in erster Instanz im Juli 2018 verhandelt und ging im November 2019 in zweiter Instanz ins Berufungsverfahren. Der letzte Erörterungstermin im Berufungsverfahren fand im März 2020 statt, jedoch bislang ohne abschließenden Gerichtsbeschluss. Seither wartet der Verein auf den nächsten Verhandlungstermin bzw. eine Reaktion des Gerichts.

Mehr unter: https://sudbury-schule-ammersee.de

 

 

 

Luana Augsburg

Seit dem Jahr 2015 verfolgt die Gründungsinitiative das Ziel, eine Demokratische Schule in Augsburg zu eröffnen. Dafür hat sie sich 2017 die Struktur einer gemeinnützigen GmbH gegeben. Nach mehrjähriger Auseinandersetzung mit der Regierung von Schwaben über das Konzept und dessen Überarbeitung anhand der Forschung zum selbstregulierten Lernen und den Kritikpunkten der Regierung wurde von der Regierung von Schwaben weiterhin die Freiwilligkeit des Lernens kritisiert. Das Gründungsteam ist sich nach anwaltlicher Prüfung sicher, dass das Konzept alle Genehmigungsvoraussetzungen erfüllt, und strebt die baldige Beantragung einer Schulgenehmigung an. Derzeit sind sie in Verhandlungen bezüglich eines Schulgebäudes.

Mehr unter: https://luana-augsburg.de/

 

 

 

Aktive Schule Penzberg

Angefangen hat alles 2005 in München. Damals wollte die Schulgründungsinitiative die Aktive Schule München ins Leben rufen. Nach fruchtlosen Genehmigungsgesprächen mit der Regierung Oberbayern und mehreren Konzeptüberarbeitungen sind die Initiatoren mit ihrem Anliegen vor Gericht gezogen. Mit Urteil vom 23. Juni 2008 wurde dem Konzept das besondere pädagogische Interesse, welches die Regierung stets verneinte und damit die Genehmigung verweigerte, zugeschrieben. Die Regierung ging in die nächste Instanz, am 22.04.2009 wurde das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts München vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof bestätigt, eine Revision wurde nicht zugelassen. Da die Initiatoren zu diesem Zeitpunkt mit ihren Kräften am Ende waren, ist die Aktive Schule München niemals ins Leben gerufen worden. Eine andere Schulgründungsinitiative in Petershausen hat das Konzept übernommen, dort gibt es seit 2009 die Aktive Schule Petershausen. Ende 2019 hat sich der zu diesem Zeitpunkt in Gründung befindende Verein ErLe- Erlebnis Lernen, deren Mitglieder zum Teil aus der damaligen Münchner Gründungsinitiative stammen, auf Anfrage interessierter Eltern auf den Weg gemacht, eine weitere Aktive Schule zu gründen, diesmal mit Standort Penzberg. Die Regierung Oberbayern verweigert nun abermals diesem Konzept die Anerkennung des besonderen pädagogischen Interesses. Es wurde Klage eingereicht, diese liegt derzeit bei Gericht.

Mehr unter: https://erle-erlebnis-lernen.de/

 

 

 

Freie Aktive Schule Aschaffenburg e.V.

Start der Initiative, eine soziokratisch organisierte Freie Aktive Schule zur Potenzialentfaltung zu gründen, war 2016, die Gründung des Fördervereins folgte 2017. Die erste Version des pädagogischen Konzepts wurde im Mai 2018 bei der Regierung Unterfranken eingereicht. Aus dem Feedbackgespräch im September vor Ort ging der Arbeitskreis Konzept mit dem Eindruck heraus, dass das Konzept grundsätzlich in Ordnung sei, nur einige Punkte zu ergänzen bzw. zu erläutern seien. Die zweite Version wurde im Februar 2020 eingereicht. Dass das vereinbarte persönliche Feedbackgespräch aufgrund von Corona nicht stattfinden konnte, war ein Glücksfall. Denn jetzt erhielt die Initiative eine schriftliche Ablehnung mit Begründung. Diese zeichnet ein ganz anderes Bild als das, welches zuvor entstanden war, und enthält dennoch keine konkreten Ablehnungspunkte. Mittlerweile überlegt auch die Schulgründungsinitiative Freie Aktive Schule Aschaffenburg, den Weg mit Rechtsmitteln weiter zu gehen.

Mehr unter: https://www.fas-aschaffenburg.de/

 

 

 

Demokratische Schule Ingolstadt

Der Verein „Gemeinschaft für selbstbestimmtes Lernen e.V.“ wurde 2017 gegründet, mit dem Hauptziel eine Demokratische Schule in der Region Ingolstadt zu verwirklichen. Derzeit arbeiten wir an unserem Konzept für eine Grund- und Mittelschule. Demokratische Schulen gehen von Grund auf anders an das Thema Bildung heran und sind somit nicht direkt mit Regelschulen vergleichbar. Es ist also wichtig, dass den Besonderheiten in der pädagogischen Konzeption Demokratischer Schulen bei der Genehmigung durch die Behörden Beachtung geschenkt wird. Es gibt unzählige wissenschaftliche Belege, z. B. aus der Hirnforschung, die aufzeigen, wie die optimale Lernumgebung aussehen muss, damit individuelle Bildung und nachhaltiges Lernen möglich sind. Wir wünschen uns von den Regierungen, dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse anerkannt werden und die Umsetzung in Form von Demokratischen Schulen zugelassen wird. Eine so innovative Schulform, die sich lange schon bewährt hat, sollte in der bayerischen Schullandschaft nicht fehlen.

Mehr unter: https://www.demokratische-schule-ingolstadt.de/

 

 

 

 

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